Warum ahimsa auch bei dir selbst beginnt
Über ahimsa – Gewaltlosigkeit (Sanskrit für »a«: nicht, »himsa«: Gewalt) – haben im Yogabereich schon viele geschrieben. Meistens geht es darum, wie wir Tiere, Pflanzen, Mitmenschen behandeln. Mich beschäftigt seit Jahren eine andere Frage:
Wie gewaltlos sind wir eigentlich uns selbst gegenüber?
Auf meinem Weg als Yogaschülerin und später als Lehrerin sind meinen Kolleg:innen und mir Disziplin, Ehrgeiz und Selbstoptimierung in vielen Gewändern begegnet. »Practice and all is coming« – dieser Leitsatz hat mich lange begleitet. (Mir würde besser gefallen: »Appreciate what’s already there!«)
Ich habe Schulen kennengelernt, die universelle Ausrichtungsprinzipien lehrten – gültig für jeden Körper, unabhängig von Vorgeschichten oder Proportionen. Erst viel später lernte ich: »Every body is different and so is the practice.« Ich habe Stunden erlebt, in denen herausfordernde Rückbeugen wie das Rad zur Pflichtkür wurden, gefolgt von langem Schulterstand und Fisch. Tief gehaltene Vorbeugen und Hüftöffner sollten tiefsitzende Emotionen befreien und mich auf den Weg zur Erleuchtung führen.
Vieles davon hat mich bereichert – und manches hat auf körperlicher Ebene Spuren hinterlassen. Bei mir waren es Rücken, eine unangenehme Hyperbeweglichkeit im ISG-Bereich und irgendwann Zweifel an manchen spirituellen Versprechen. Aus Gesprächen mit Kolleg:innen kenne ich noch andere Geschichten – chronische Nacken- und Schulterschmerzen, gereizte Hamstring-Ursprünge, Schuldgefühle, nicht gut genug zu sein. Über solche »Yoga-Verletzungen« wird in vielen Studios selten offen gesprochen. Genauso wenig über Yogastunden, in denen das eigene, individuelle Körpergefühl ignoriert wird. Diese Erfahrungen wahrzunehmen – und nicht wegzuerklären – ist für mich heute Teil von ahimsa.
Kurzer Rückblick: Yamas und niyamas
Um zu verstehen, warum mir dieser Gedanke so wichtig ist, hier ein kleiner Ausflug in die Yogaphilosophie: Patañjali erzählte im Yogasūtra schon vor mehr als 2000 Jahren von den sogenannten yamas und niyamas – yogische Verhaltensregeln, eingebettet im achtgliedrigen Pfad des Yoga (zusammengefasst im YOGAMOUR Magazin: Yogasūtra, Kapitel 2, Verse 29 ff.).
Die yamas beschreiben laut Yogaphilosophie-Ikone R. Sriram unser Verhalten anderen Lebewesen gegenüber: Gewaltlosigkeit (ahiṁsā), Ehrlichkeit (satya), Nicht-Stehlen (asteya), Selbstbeschränkung (brahmacarya) und Nicht-Horten (aparigraha). Ahimsa steht dabei ganz bewusst an erster Stelle – und ist mitunter ein Grund, warum sich viele Yoga-Anhänger:innen vegetarisch oder vegan ernähren.
Ahimsa könnte sein: hinzuschauen und zuzuhören (Mitgefühl, Achtsamkeit), interessiert zu sein und zu lernen (Bildung) und: zu tun (Handeln, Verändern).
Die niyamas hingegen meinen den Umgang mit uns selbst: Reinheit (śaucā), Zufriedenheit (saṁtoṣā), Disziplin (tapas), Selbststudium (svādhyāya) und Hingabe (īśvarapraṇidhāna).
Du merkst vielleicht: Ahimsa taucht offiziell nur bei den yamas auf – also bei den Regeln für den Umgang mit anderen. Und genau hier beginnt mein Gedanke.
Was wäre, wenn ahimsa ein niyama würde?
Was wäre, wenn wir nicht nur anderen Lebewesen, sondern auch uns selbst gegenüber wohlwollend, fürsorglich und frei von jeglicher Gewalt handeln würden? Das wäre gelebtes ahimsa und praktizierte Selbstwirksamkeit!
Wenn wir spüren, dass nicht nur unsere Taten, sondern auch unsere Worte und sogar unsere Gedanken etwas in der Welt bewirken, wird ahimsa zu einer lebendigen Praxis – nicht zu einer Checkliste. Wirklich zuhören statt bewerten. Mitfühlen statt schnelle Ratschläge geben. Lernen statt urteilen. Und all das gilt eben auch für den Umgang mit uns selbst.
Heute weiß man: Nicht Erleuchtung ist das Ziel, sondern Zufriedenheit der Weg. Und auch jenseits des Yoga rückt eine alte Erkenntnis wieder in den Vordergrund: Wer langfristig gesund bleiben will – körperlich wie seelisch – braucht keine Höchstleistung, sondern eine kluge Praxis. Belastung und Erholung im Gleichgewicht. Ahimsa.
Gelebtes ahimsa: auf der Matte und im Leben
Wir dürfen uns entscheiden: selbstwirksam, fürsorglich, klar. Wir dürfen lernen, unsere eigene Lehrerin zu sein – auf der Matte und im Leben. Genau das ist gelebtes ahimsa. Und das Schöne: Es gibt kein »zu spät«, um damit anzufangen. Hier ein paar einfache Beispiele:
- Höre auf deinen Körper. Er weiß mehr als jede Anleitung.
- Übe das, was DIR guttut – nicht, was die Lehrerin ansagt oder dein Vordermann macht.
- Wähle die Variante eines āsanas, die heute für dich richtig ist.
- Schmerz in einer āsana ist nie ein Zeichen von Fortschritt. Wirklich nie.
- Praktiziere nur Atemübungen, die dich nähren. Schwindel oder Unruhe sind ein klares Stopp-Signal.
- Wähle Meditationsformen, die dir Frieden bringen – nicht solche, die dich aus dem Gleichgewicht werfen.
- Suche dir Yogaräume, in denen du dich frei fühlst – nicht solche, in denen du dich beweisen musst.
- Gönn dir Hilfsmittel: Block, Gurt, Bolster, Decke. Sie sind keine Schwäche, sie sind Klugheit.
- Sage öfter Nein. Auch zu netten Menschen mit guten Absichten. (Auch zu Yogalehrer:innen.)
- Sei deine eigene wohlwollende Begleiterin. Lobe dich, danke dir, umarme dich – körperlich und in deinen Gedanken.
Fällt dir noch etwas ein?
Es lebe ahimsa, on and off the mat! Wie siehst du das? Ich freue mich sehr über dein Feedback.
Alles Liebe,
Deine Bärbel
Zum Weiterstöbern
- Darf bei Philosophie-Interessierten im Buchregal stehen: R. Sriram – Das Yogasūtra
- Im YOGAMOUR Magazin findest du mehrere Beiträge zu Patañjalis Yogasūtra inklusive Rezitationen
- Im Beitrag Mind, Body, Soul: Die tägliche Praxis findest du zur Inspiration einfache Grundlagen für starke mentale Gesundheit
- In dem Artikel Meditation oder: Der innere Arzt findest du ein paar klare, unaufgeregte Anregungen, warum Meditation zu deinem Wohlbefinden beiträgt
- Du hast noch nie meditiert? Im Meditations-Kurs: 14 Tage Achtsamkeit übst du Tag für Tag ganz langsam das stille Sitzen und Beobachten des Atems und/oder der Gedanken
- Du möchtest an deiner Yogapraxis dranbleiben, bist aber Tag für Tag unentschlossen, welches Video du üben sollst? Leonie wird in Zukunft Monat für Monat einen neuen Yogaplan entwickeln. Probiere gerne die Mai-Wochenpläne aus!
- Du bist mit deiner Yogapraxis noch gar am Anfang? Dann passt mit Sicherheit dieser Plan für dich: YOGAMOUR-Wochenplan für Anfänger:innen – 7 Tage einfaches Yoga zum Einsteigen.
- Du hast länger Pause gemacht und möchtest wieder mit Yoga einsteigen? Dann probiere den Yogakurs für Wiedereinsteiger:innen: 21 Tage täglich Yoga üben – als Kickoff für eine (erneute) regelmäßige Praxis

Liebe Bärbel
Deine Worte sind wie Balsam für meine Seele und wirken tröstend und ermutigend. Ich bin gleich alt wie du, habe zwei Töchter und darf mich im „Loslassen“ und im „Vertrauen haben“ üben. Beim ständigen „richtig machen wollen“ habe ich oft die Fürsorge für mich selbst vernachlässigt. Ich danke dir für diesen Artikel! Er unterstützt mich in meiner Reflexion und meinem Handeln.
Alles Liebe und Gute für dich und deine Familie
Herzlichst
Sabine
Liebe Bärbel, ich kann dir nur zustimmen. So häufig sind wir in Selbstoptimierung und Überforderung verstrickt – dabei tut es so gut, auf den eigenen Körper zu hören und ihn freundlich zu behandeln. Das kann manchmal auch bedeuten ihn zu fordern, aber eben immer in guter und achtsamer Verbindung mit ihm zu sein. Ich halte es da auch gerne wie Buddha und praktiziere den mittleren Weg – weder Über- noch Unterforderung. Danke, dass du uns daran erinnert hast 🙏🏼 Herzlich, Barbara
Wahre Worte, die mein Herz wärmen, meine Seele streicheln und meinen Körper trotz seiner „Baustellen“ ermutigen. Danke Bärbel! 💕
Liebe Bärbl,
danke,
mit diesen Worten hast du das bestätigt, was ich mir oft gewünscht habe,
aber nicht gemacht, weil ich vieles „richtig“ machen wollte.
Ich lerne täglich aus deinen abwechlungsreichen , bereichernden Videos , danke
Alles Liebe Christine
Liebe Christine, super dass meine Artikel und auch Videos dazu beitragen, dass du dich weiter entwickeln kannst. Das ist so wichtig! Ganz liebe Grüße, Bärbel
so isses- asi es 🌻
Yessss! ❤️
🫶
😍