gesammelt von Ischta Lehmann
Was für ein bizarres Jahr, dieses 2025, oder? So viel Krisen, Krieg und Krach, so viel Angst und Alarm. Ich hoffe, all das hat euch nicht mürbe gemacht. Was ich dagegen 2025 auch immer wieder erlebt habe: Sobald ich mich mal aus dem Dauerstrom aus schlechten Nachrichten ausgeloggt hatte und ganz »bei mir« war, konnte ich wieder freier atmen – und denken. Sei es bei einem Spaziergang ohne Handy oder beim Gemüseschnibbeln in Gesellschaft meiner eigenen Gedanken. Und: Eine große Freude war es für mich auch immer wieder, die gute Dynamik von Gruppen zu erleben. Wie beflügelnd, wenn Menschen zusammenkommen, um miteinander zu reden, zu feiern, einander zuzuhören. Oder wenn wir gemeinsam auf der Yogamatte atmen und durch āsanas fließen.
Von solchen guten Momenten wünsche ich euch 2026 ganz viele – mehr Körper, weniger KI. Hier sind ein paar Gedanken, die vielleicht dabei helfen können. Denn mir geht es wie Kevin Kelly, der sagt: »I find witty quotes sharpen my thinking and help me pay attention.« (Wer zum ersten Mal hier liest: Einige Sätze sind auf Englisch, aber ich bemühe mich, die wichtigsten Inhalte zu übersetzen.)
1. »Sich verloren, verrückt und verzweifelt zu fühlen, gehört ebenso zu einem guten Leben wie Optimismus, Gewissheit und Vernunft.«
Alain de Botton
Ich mag diesen Satz. Eine Erinnerung daran, dass ich nichts falsch gemacht habe, wenn ich gerade mal nicht die rosarote Brille aufhabe, sondern mich mies fühle. Auch »meh« ist okay. Ohne »Ab« kein »Auf«, ohne »ohje« kein »oh, yeah!«.
2. »Die Welt kann beängstigend sein und gleichzeitig ziemlich okay.«
Sasha Marianna Salzmann
Das sagt die nonbinäre Autor:in im ZEITmagazin in der Rubrik »Was ich gern früher gewusst hätte« – und ich finde, das ist absolut richtig.
3. »What if we spent less time shouting into the void and being washed over with shouting in return – and more time talking in rooms to those for whom our words are intended? If we have only so much attention to give, and only so much time on this earth, we might want to think about reinfusing our attention and our communication with the intention that both deserve.«
Jenny Odell
Von Jenny Odell stammen lesenswerte Bücher wie »Nichts tun« (How to do nothing) und »Zeit finden“« (Saving time), und dieses schöne Zitat, das ich für mich so übersetze: »Wie wäre es, wenn wir weniger Zeit damit verbrächten, ins Leere zu schreien und im Gegenzug selbst angeschrien zu werden – und mehr Zeit damit, uns in Zimmern mit denen zu unterhalten, für die unsere Worte tatsächlich gedacht sind? Da wir nur so wenig Aufmerksamkeit zu geben und nur so wenig Zeit auf dieser Erde haben, sollten wir unserer Aufmerksamkeit und unserer Kommunikation die Intention geben, die beide verdienen.«
4. »Don’t fill the silence – let the silence fill you.«
Unbekannt
Diesen Satz habe ich neulich aus einer Yogastunde mitgenommen. So gut! Einfach mal hinhören, hinspüren, was kommt, wenn ich nicht drücke oder dränge. Dazu passt:
5. »Silence is a space for something to happen.«
Ursula Franklin, gefunden in Austin Kleons Newsletter
Stille ist selten geworden. Ständig bimmelt, buzzed oder babbelt es irgendwo. Wenn ich mal wieder versucht bin, mir einen Kopfhörer ins Ohr zu stöpseln, um mir die Gedanken anderer anzuhören, oder mich auf dem Handy davonzuscrollen, denke ich an dieses Zitat, frei übersetzt: In der Stille kann etwas passieren. Da können zum Beispiel Gedanken kommen – eigene! – oder Gefühle, Ideen… – aufregend!
6. »Verteidige dein Recht zu denken. Denken und sich zu irren ist besser, als nicht zu denken.«
Hypatia von Alexandria, Mathematikerin, Astronomin, Philosophin
Jawoll!
7. »Let’s be honest: There are a lot of elements of adulthood that are profoundly disappointing. But one of the truths about being a grown-up that I have been happy to learn is that consistency and repetition is at least 90% of the game. I’m thoroughly convinced this is life’s best-kept secret, probably because it’s too boring to be compelling. You can forget every piece of performance or productivity advice you’ve ever read — all you have to do is quietly show up on most days and do a little bit of what matters to you.«
Rosie Spinks
Die britisch-amerikanische Journalistin Rosie Spinks ist auf jeden Fall einer dieser Menschen, die sich das Recht zu denken nehmen. In ihrem wunderbaren Newsletter teilt sie immer wieder gute, kluge Gedanken. Wie diesen hier. Meine Übersetzung: »Mal ganz ehrlich: Vieles im Erwachsenenleben ist eine immense Enttäuschung. Aber eine der Wahrheiten übers Erwachsensein, die ich gerne gelernt habe, ist, dass Beständigkeit und Wiederholung mindestens 90 % des Erfolgs ausmachen. Ich bin überzeugt, dass dies das bestgehütete Geheimnis des Lebens ist, wahrscheinlich, weil es zu langweilig ist, um beeindruckend zu wirken. Vergiss jeden Artikel mit Leistungs- oder Produktivitätsratschlägen, den du je gelesen hast – das Einzige, was du tun musst, ist, an den meisten Tagen zu erscheinen und ein bisschen von dem tun, was dir wichtig ist.«
8. »Die Menschheit zerfällt nicht zu gleichen Teilen in Leute, die stets den eigenen hehren Ansprüchen genügen, und denen, die nicht. Wir alle sind halb Mensch, halb Arsch. Der einzige Unterschied ist: Manche können sich hinterher entschuldigen und manche nicht.«
Kolumnistin ELLA in der ZEIT
Ich weiß leider nicht mehr, um welche Frage es in dieser Ratgeber-Kolumne ging, auf die Kolumnistin Ella diese Sätze geantwortet hat. Vermutlich hat sich jemand über das rücksichtslose Verhalten von jemand anderem aufgeregt. Auf jeden Fall habe ich sehr gelacht, als ich das gelesen habe – und seitdem immer wieder daran gedacht. Etwa, wenn ich selbst kurz davor war, mich über einen rücksichtslosen Mitbürger oder eine gedankenlose Mitbürgerin aufzuregen. Dann fiel mir wieder ein: »Halb Mensch, halb Arsch« – das bin ich ja auch oft. Seitdem ich das weiß, kann ich auch mit den anderen Ärschen um mich herum ein bisschen nachsichtiger sein. Apropos Nachsicht:
9. »People are just people — they change, they stay the same, they disappoint you, they uplift you, they mirror you, they challenge you, they annoy you, they delight you.«
Madeline Dore
„Menschen sind eben Menschen – sie verändern sich, sie bleiben gleich, sie enttäuschen dich, sie feuern dich an, sie spiegeln dich, sie fordern dich, sie nerven dich, sie erfreuen dich.« – Kurzum: Sich darüber aufzuregen, dass Menschen menschliche Dinge tun, bringt nichts. Nur eine von vielen klugen Erkenntnissen, die die Künstlerin Madeline Dore in der Liste 50 things I’ve learned about being a person in the world with other people zusammengefasst hat.
10. »Don’t just resist cynicism — fight it actively.«
Wie oft ertappe ich mich dabei, dass ich in Zynismus und Schwarzseherei abrutsche – aber das will ich gar nicht. Zynismus ist einfach und man wirkt oft intellektueller, wenn man alles kritisiert. Dabei ist es viel schwieriger – aber lohnenswerter! – sich seinen Optimismus zu bewahren und dafür zu Sorgen, dass die Welt dem optimistischen Bild, das wir von ihr haben, ein Kleines bisschen ähnlicher wird. »Wehre dich nicht nur gegen Zynismus – bekämpfe ihn aktiv.«
11. »We have an opportunity, maybe even a responsibility, to create a little bit of magic in a world that needs more magic.«
Will Guidara (via Priya Parker)
Will Guidara ist ein amerikanischer Gastronom der Spitzenklasse. Seine Philosophie, die er hier ausdrückt, erklärt, warum sich Menschen in seinen Restaurants so wohlfühlen. Ich finde, sein Credo können wir uns ruhig klauen, auch wenn wir keine professionellen Gastgeber sind: mehr Magie im Umgang mit anderen.
12. »Seelische Reife ist, zu akzeptieren, dass du nicht erwachsen bist.«
Wolfgang Schmidbauer in der Rubrik »Was ich gern früher gewusst hätte« im ZEITmagazin
Hihi, wie recht Paartherapeut, Psychoanalytiker und Autor Schmidbauer hat! Je älter ich werde, desto mehr realisiere ich, dass ich immer noch wie ein kleines Kind geliebt, gelobt und verwöhnt werden will. Dass ich mir das inzwischen nachsehe, ist aber schön.
13. „»Discomfort is the price of admission to a meaningful life.«
Susan David
Ein »Discomfort« kann eine kleine Unannehmlichkeit bedeuten, leichte Schmerzen oder Beschwerden, auf jeden Fall etwas, was sich außerhalb der berühmt-berüchtigten Komfortzone befindet. Das Lampenfieber vor einem großen Auftritt, die Angst vor einem unangenehmen, aber wichtigen Gespräch… Aber eben diese kleinen Schmerzen auszuhalten, kann uns zu großer Freude oder Erfüllung führen, verspricht die Psychologin Susan David. Diese Momente sind »der Eintrittspreis zu einem sinnvollen Leben«. Dazu passt dieser beruhigende Gedanke: »Wenn man etwas zum ersten Mal macht, fühlt es sich immer falsch an.« Ein Denkanstoß aus einer Psychotherapie.
14. »I do think given this world of abundance, that we have to now intentionally seek out things that are hard. Because our lives have become so easy, so convenient, so sedentary, the default is a state of consumption that’s ultimately not good for our bodies or our minds.«
Anna Lembke
2025 habe ich viel darüber gelesen und nachgedacht, wie das ständige Online-Sein unsere Wahrnehmung verzerrt. Je mehr wir im Digitalen den Eindruck bekommen, dass alles immer schneller, besser, schlauer gehen muss, desto mehr frustriert es uns, wenn das im Alltag nicht so ist, wenn die Bahn Verspätung hat, die Papiertonne überquillt oder uns ein Rucksackträger in der Straßenbahn ummäht. Dagegen anzudenken, dazu regt die amerikanische Psychiaterin Anna Lembke an: »In dieser Welt des Überflusses müssen wir bewusst Dinge aufspüren, die schwer sind. Weil unsere Leben so einfach, so bequem, so bewegungsarm geworden sind, ist die Grundeinstellung die des Konsums, was unseren Körpern und unserem Geist nicht guttut.«
15. »Hattest du wirklich erwartet, irgendwann keine Probleme mehr zu haben?«
via Oliver Burkeman (In: »Leider nicht unsterblich«)
Die Bücher (4000 Wochen und Leider nicht unsterblich) und der Newsletter des britischen Autors Oliver Burkeman haben mir in den letzten Jahren viel Halt gegeben und immer wieder neue Denkanstöße geschenkt. Ich mag es, wie er beharrlich gegen den Produktivitätswahn anschreibt. Hier zitiert er eine Bekannte des Philosophen Sam Harris, die dem mal diesen – liebevollen? Zynischen? – Gedankenstubser gab. Vermutlich, als der gerade über irgendwas gemeckert hat. Ich habe mich von dieser Frage sofort ertappt gefühlt: Ja, wenn ich ehrlich bin, hatte ich wirklich gedacht, dass irgendwann mal alles gut ist, wenn ich nur brav meine To-Do-Listen abarbeite. Und das Leben so: hahahahahaha!
16. »The foundation of maturity: Just because it’s not your fault doesn’t mean it’s not your responsibility.«
Kevin Kelly
Kevin Kelly, Gründer des Wired-Magazins, Autor und kluger Kopf, darf auch dieses Jahr nicht auf meiner Liste fehlen – ich hatte ihn ja sogar schon vorab zitiert. Ich mag einfach, wie er denkt. »Die Basis von Reife: Nur, weil es nicht deine Schuld ist, heißt das nicht, dass du nicht dafür verantwortlich bist.« Dazu passt:
17. »Who you are is not your fault, but it is your responsibility.«
»Wer du bist, ist nicht deine Schuld – aber deine Verantwortung.« Wir können nichts dafür, welche Gaben oder Lasten, Talente oder Bürden wir mitbekommen haben, in welche Umstände und Zeiten wir hineingeboren wurden – aber es ist an uns, mit ihnen auf gute Weise umzugehen.
18. »Wir gehen mit der Annahme durch das Leben, dass man über alles »hinwegkommen« müsse. Häufig geht genau das nicht, häufig müssen wir, um unseren Weg zu finden, genau von dieser Annahme Abschied nehmen.«
Daniel Schreiber, Allein
Uff. Und: Wow. Ja, da hat er wohl recht. Manche Verletzungen, manche Verluste sind so schlimm, dass sie einen auf lange Zeit, vielleicht für immer, begleiten. Dass man nicht mehr den Anspruch an sich selbst haben muss, darüber »hinwegzukommen«, finde ich tröstlich. Ich muss dabei an die japanische Kintsugi-Methode denken, bei der kaputtes Geschirr repariert wird, indem man die Bruchstellen besonders betont, sie etwa mit Gold- oder Silberpulver verziert. Auch, wenn etwas nicht perfekt ist, kann es schön sein. Dazu passt, finde ich:
19. »Sie müssen die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgeben.«
Unbekannt
Der stammt wieder aus der großartigen Sammlung »Ratschläge aus der Psychotherapie« aus dem ZEITmagazin, die ich bereits im vergangenen Jahr hier zitiert habe. So gut! Was war, können wir nicht ändern – der Drops ist gelutscht. Aber das macht nichts. Denn, um es mit einem Buchtitel des finnischen Psychiaters Ben Furman zu sagen: »Es ist nie zu spät, eine glückliche Kindheit zu haben«. Ich habe das Buch nicht gelesen, aber mir gefällt schon die humorvolle Absurdität des Titels sehr gut und ich interpretiere ihn für mich so: Wir können auch im Hier und Jetzt dafür sorgen, dass es uns gutgeht, uns selbst eine »glückliche Kindheit« machen.
20. »Wenn dir nichts Kluges einfällt, liegt es daran, dass du nicht genug Dummes zugelassen hast.«
Wolfgang Schmidbauer
Ich denke oft an diesen Satz. Vor allem, wenn ich mal wieder brainstorme und neue Ideen für Geschichten sammle. Er ist so wahr: So, so oft folgt auf die dümmste Idee, die ich zugelassen habe, meist die beste, auf die ich nie gekommen wäre, wenn ich nicht ein bisschen rumgesponnen hätte.
21. »In any bond of depth and significance, forgive, forgive, forgive. And then forgive again.«
Maria Popova in The Marginalian
»In jeder wichtigen Beziehung: vergib, vergib, vergib. Und dann vergib nochmal.«
22. »Practice art, no matter how well or how badly. It is a way to make your soul grow.«
Kurt Vonnegut
»Mache Kunst, egal, wie gut oder schlecht. Es bringt deine Seele zum Wachsen.« Da stehe ich als Autorin natürlich voll dahinter. Idee: für das Wort »art« auch ab und zu mal das Wort »Yoga« einsetzen.
23. »The truth is that one day you hate yourself, and the next day you can’t wait to use your gifts.«
Adam J. Kurtz
Was Künstler Adam J. Kurtz hier sagt über das Auf und Ab, das kreative Menschen spüren, gilt für alle anderen genauso: »Die Wahrheit ist, dass du dich an einem Tag hasst und es am nächsten Tag nicht abwarten kannst, deine Gaben zu nutzen.« Die Kunst ist, trotzdem weiterzumachen…
24. »Tension is who you think you should be. Relaxation is who you are.«
Chinesisches Sprichwort
Ich weiß nicht mehr, wo ich dieses Zitat aufgeschnappt habe. Und, ganz ehrlich: Ich weiß auch nicht, ob das wirklich ein chinesisches Sprichwort ist oder nur eine KI-Halluzination. Aber: »Anspannung ist, wer du glaubst, sein zu müssen. Entspannung ist, wer du (wirklich) bist.« Ist das nicht schön?!
25. »Glücklich sein ist kein Verrat an denen, die es gerade nicht sein können.«
Sasha Marianna Salzmann im ZEITmagazin in der Rubrik »Was ich gern früher gewusst hätte«.
Mag ich. Oder, wie man heute sagt: Liebs.
26. »Never rush the sweet, delicate time between what’s now and what’s next.«
Jillian Anthony (via The Ann Friedman weekly)
Einfach mal im Moment sein. Hier und Jetzt statt gleich und morgen. Klingt doch gut, oder? »Dränge nicht durch die süße, zarte Zeit zwischen dem Jetzt und dem, was als Nächstes kommt.«
Habt alle ein gutes Jahr 2026!
Eure Ischta

Happy new year🍀ihr Lieben !
Liebe Ischta, wieder , wie gewohnt…. , teilst Du Kluges, Sinniges und Berührendes mit uns, so so schön!DANKE
Zu jedem Zitat fällt mir was ein, mal“ kenne ich“, mal „wow, cooler Gedanke“, mal „stimmt, wenn ich es so betrachte, puh“, mal „ist es nicht einfach nur toll, diese Leben leben zu dürfen?“
Und die Idee von Elli, die Zitate mal einzeln mit in eine Meditation zu nehmen! Super gut!,
Ischta, mögen Dir nie die Worte ausgehen, immer her damit🥳. Ellen
Danke, liebe Ellen! ❤️
Vielen Dank für diese Gedanken. Jeder Einzelne ist es wert, in einer Meditation darüber zu sinnieren.
Ich wünsche ein gesegnetes, liebevolles, glückliches und erfüllendes JAHR 2026 – IN LIEBE, GESUNDHEIT UND FRIEDEN GELEBT!
Alles Liebe – Elli
Liebe Elli, was für eine schöne Idee. Vielen Dank dafür! Dir auch alles, alles Gute für dieses neue 2026.
Ischta